The Rise

Die Geviertelte

Eve Memphis‘ Haare wehrten sich strikt gegen Alles was sich als Styling bezeichnen konnte.
Ein letzter Ausweg war gewesen, sie auf Schulterlänge zu kürzen und jeden Morgen eine Ewigkeit damit zu verbringen, Strähne für Strähne zu glätten und einsprayen- glätten und einsprayen. Eve fand, dass sie sogar relativ passabel aussahen, seit dem letzten Friseurtermin.
Die Frau am Empfang war nett gewesen und hatte ihr sogar ein Pfefferminz angeboten, vielleicht aber auch nur, um ihr den Mund zu stopfen, damit sie keine Fragen mehr stellen konnte. Eve naschte für ihr Leben gern und das Bonbon war Balsam für ihren leeren Magen gewesen.
Im Haircut arbeiteten lauter schwarzhaarige aufgestylte Zwanzigjährige, die mindestens ein Piercing im Gesicht stecken hatten und waren die meiste Zeit damit beschäftigt, den einzigen Mann in der Kette anzuhimmeln. Eine Banshee mit dem Kamm und dem Föhn.
Eve würde endlich eine Geviertelte sein. Sie und ihre Mutter waren sich einig gewesen, dass dies Anlass genug war, sich zu verändern.
Es war Tradition, den fünfzehnten Geburtstag so zu feiern, als wüsste man genau wann man sterben würde. Denn mit 15 erreichte man das ‚geviertelte Alter‘. Man wurde 15, wurde 30 (erreichte schon das halbe Alter), wurde 45 (galt als faltig, grauhaarig, unbeweglich und war im gedreiviertelten Alter) und wenn man Glück hatte, konnte man sich sogar von seinen Enkeln als Oma oder Opa schimpfen lassen- man wurde 60. Die 60 nannte man das ganze Alter. Man hatte Alles gesehen und nun war es Zeit, den Tod mit offenen Armen zu empfangen, mit ihm Tee zu trinken und Kekse zu essen und ihm schließlich im Schlaflied mit nach oben zu folgen, in den Himmel. Denn man hatte ja richtig gelebt, im Vierteltakt.
Als Eve Memphis an diesem Morgen ihren Schrank öffnete, fand sie Kleidung, die sich als Alles beschrieben ließ- als Alles, das nicht netter war als ‚angenehm‘.
Von kratzigen grünen Wollpullovern bis über zu schwarzen Röcken hielt ihre Wundertüte auch noch ein Kleid mit korkfarbenem Mieder und beigen Ärmeln, auf das Eve schließlich zurückgriff.
In aller Montur trat sie vor den Spiegel.
Eve war nicht verwundert, dass sie selbst einem Überraschungspaket glich. Kleidung stimmte mit Make-Up überein. Haare stimmten mit Spängchen und Klammer überein. Leider stimmten Kleidung und Frisur nicht überein.
Es war als würde man mit pinken Haaren eine schwarze Jeans und ein herbes Oberteil tragen. Eve grinste ihr Spiegelbild an. Sie war nicht sauer. <font;_italic>Sie wollen mich, sie kriegen mich- so, wie ich bin!</font>
Eve schlüpfte in ihre Schuhe: Ein Paar aus weichem Leder, festen Schnürsenkeln und harter Sohle, dafür geeignet, stundenlang durch die Gegend zu streifen, ohne Schmerzen zu bekommen. Mutter hatte die Schuhe nur erlaubt, weil das Paar praktisch sein würde, für Eves ersten Tag im fünfzehnten Lebensjahr. Eve war neugierig, sie würde viel erkunden wollen, was sich verändert hatte.
Sie drückte sich durch die Tür, die Treppe hinunter. In der Küche waren alle Lichter an, ansonsten war sie aber leer, wie zu erwarten.
Auf dem sauberen Küchentisch entdeckte Eve ein perfektes weißes Kleides, das wie für sie gemacht war. Ihre Familie ließ sie niemals im Stich.
Daneben ein kleiner Zettel, ein Datum und eine Uhrzeit, auf dem Hüftteil des Kleid, als wäre er eine Brosche. <font;_italic>1.5. / 16:00 Uhr</font>
Um 16:00 Uhr würde der Empfang für die diesjährigen Fünfzehnjährigen sein. Alle Jugendlichen des geviertelten Alters würden geschniegelt und gekämmt in einer Halle sitzen, leichte Speisen probieren und darauf warten, geweiht zu werden.
Bis dahin musste Eve sich an eine Hand voll Regeln halten. Sie durfte Nichts essen, zu Niemandem Kontakt aufnehmen und musste eine kleine Rede vorbereiten, gerichtet an Freunde und Familie, um ihnen dafür zu danken, dass sie das Warten auf das fünfzehnte Lebensjahr so süßlich hatten schmecken lassen. Die Rede war das Schlimmste gewesen. Eve hatte stundenlang in ihrem Zimmer gesessen und versucht, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Letztendlich hatte sie dem Chaos in ihrem Inneren doch ein paar Zeilen abgewinnen können. Sie fragte sich, wie die Anderen es schafften, ruhig zu bleiben, wo es in wenigen Stunden doch so viel Neues zu entdecken gab! Ein ganz neues Selbst, eine neue Welt, neue Gefühle!
Eve würde in einer wunderschönen Pracht erscheinen und von königlichem Besteck essen. Sie würde ihre Eltern wieder in die Arme fallen, ihrer Mutter und ihrem Vater anmutig einen Abschiedskuss auf die Wange hauchen. Es wäre kein für immer, aber der Abschiedskuss war das Symbol für das Loslassen der alten Persönlichkeit. Eve würde als volljährig gelten und ausziehen dürfen. Sie würde heiraten dürfen, Kinder bekommen und ein Haus bauen. Aber es war mehr als das. In der Jugendweihe würde Eve endlich ihren richtigen Namen erfahren.
Für Alle anderen wäre sie immer noch Eve.
Wer den richtigen Namen einer Person kannte, hatte die komplette Kontrolle über sie. Es war vor langer Zeit ein Akt der Liebe gewesen, seinem Liebsten oder seiner Liebsten seinen richtigen Namen zu verraten, aber es hatte sich ausgedehnt. Menschen wie Eve, im geviertelten Alter, wären gezwungen den Befehlen Desjenigen zu folgen, der ihren richtigen Namen kannte.
Eve fand, dass das Nichts mehr mit Liebe zu tun hatte.
Sie huschte mit dem Kleid im Arm zurück in ihr Zimmer und tauschte es gegen das dirndlartige Stoffding, von dem Eve glaubte, es sei so alt, dass es anfangen müsste zu rosten.
Sie sah wie eine Furie, eine Leiche in Bergwerkstiefeln, aus. Aber es war Tradition, ein Symbol der Sträke neben einem Symbol der Schönheit, der Reichheit zu tragen. So, wie es Tradition gewesen war, seiner ewigen Liebe seinen richtigen Namen preis zu geben.
Eve brauchte einen Moment um sich zu fangen, aber dann sah sie wieder sich selbst im Spiegel. <font;_italic>Sie wollen mich, sie kriegen mich- so, wie ich bin!</font>
In einer Stunde würde sie ein neuer Mensch werden. Eine neue Eve Memphis, die fliegen konnte, solange sie wollte, ohne dass sie Jemand festhielt. Denn nur die, die ihren richtigen Namen wussten, konnten ihr ein Strick um den Hals binden. Aber Eve war kein Drache, den man im Herbst durch den Wind lenken konnte. Sie würde sich niemals verlieben, niemals heiraten und niemals Kinder bekommen, denen sie damit den selben Fluch auferlegte, einen richtigen Namen zu erhalten.
Dennoch war sie neugierig. Wie würde es sich anfühlen? Wäre es wie ein Tag am Meer, an dem man sich langsam mit den Zehen ins Wasser vortastet und einen das Kribbeln bis zum Scheitel hochfährt? Oder wäre es ein Blitzeinschlag an einem unruhigen Tag?
Mit dem Unwohl siegte die Neugier. Eve würde tapfer sein, standhaft mit ihren rutschfesten Wanderstiefeln und wunderschön und flatterhaft, wie ein tanzender Schatten in ihrem Kleid.
Sie würden einen nach dem Andere vortreten lassen, erst die Person, die vor und dann die Person, die hinter Eve saß. Es würde die Fragerei beginnen. Man nannte die Vollzieher der Jugendweihe Priester, obwohl nichts kirchliches an der Weihe lag. Man nannte sie Priester, weil sie wie im Gottesdienst eine Weihrauchkugel hin-und herschwenken, wenn der jeweilige Jugendlichen für seinen richtigen Namen geweiht wurde.
Eve ging im Kopf noch einmal ihre Danksagung durch.
Sie würde kurz verlesen, dass man vieles sehr lieb gewonnen hat und sich nun von einem kleinen Teil seiner Selbst verabschiedet, wie eine Schlange, die sich häutet. Eve würde den Menschen danken, die jede einzelne Materie ihrer Person geliebt und unterstützt hatten: Ihren Eltern, ihrer Freundin Cheryl und ihrem besten Freund Leven, der vor einem Jahr seine Jugendweihe hinter sich gebracht hatte. Seither benahm sich Leven anders als sonst, wollte Eve aber keinen Grund nennen.
In ihrer Fantasie würden die Leute klatschen, ihre Mutter würde Tränenfluten weinen und ihr Vater würde an Tage denken, wie diesen, an dem Eve Fahrrad fahren gelernt hatte. Die Sonne hatte geschienen. „Du hältst mich ganz sicher fest, ja?“, hatte Eve gefragt und ihr Vater hatte genickt. Und doch hatte er sie losgelassen und sie war auf dem rotgelben Rad gefahren und gefahren, hatte geweint, weil sie nicht mehr gewusst hatte, wo sie war und ihr Vater plötzlich wie vom Erdboden verschluckt gewesen war. Es war gut gegangen.
Eve lief es kalt den Rücken runter. Sie schloss ihre Zimmertür und wollte gerade die Rollladen ihres Fensters runterlassen, als sie bemerkte, dass Jemand auf dem Baum vor ihrem Haus saß und sie beobachtete. Ein Mädchen, dass sich die Haare nach hinten geflochten hatte und sich wie auf der Jagd um den Ast näher zu ihr hangelte.
Als sie nur noch die Glasscheibe trennte, streckte die Fremde ihre karamellfarbene Hand aus und klopfte gegen das Fenster. Eve war paralysiert. Das Mädchen sah aus wie eine Walküre, eine Amazone. Ihre Zöpfe wanden sich um ihre Schulterblätter, die wie ihre Wangen und Augenlider mit orangenen und gelben Kriegsbemalungen verziert waren. Am Leib trug sie eine braune Jacke und eine dicke Hose, die ihre Beine wie Äste aussehen ließen. Als Eve blinzelte, verschmolz das Mädchen für eine Sekunde mit dem Baum.
Eve hob die Scheibe. Die Fremde schaute sie mit geweiteten Augen an, griff durch die Luft nach ihrem Handgelenk und streichelte mit dem Daumen über ihre Haut.
„Tallyn“, flüsterte sie. Eve war sich sicher, dass sie keine andere Sprache beherrschte. Man lernte hier seine Heimatsprache, alles Andere galt als Verrat. Es musste sich um einen Namen halten.
„Tallyn Farr“, sagte das Mädchen, diesmal Etwas lauter.
Eve wurde mulmig. Ihr Herzschlag hatte keinen Rhythmus, sondern schlug wild durcheinander, wie die Locken der Fremden, wenn sie den Kopf bewegte.
„Evelyn“, meinte Eve, als würde sie dazu gezwungen. Das Mädchen entspannte sich ein Bisschen und lehnte sich auf seinem Ast zurück, ließ Eves Handgelenk los. Eve spürte, wie das Blut in ihre Finger erreichte.
„Wir brauchen deine Hilfe“, sagte Tallyn und als Eve den Mund aufmachen wollte, legte sie ihr einen Finger auf die Lippen. „Pst.“
Sie rutschte von der Astspitze auf das Fenstersims zu Eve ins Zimmer hinein und setzte sich unverblümt auf den Boden.
„Wir wissen nicht, an wen wir uns sonst wenden sollten. Deine Mutter leugnet den Kontakt zu uns…“ Tallyn senkte beschämt den Kopf, als sei es eine Tugend, Jemanden nicht mehr gut zu kennen. So ging es im Leben doch ständig. Man lernte Leute kennen, ließ sie wieder los, man trieb einsam auf dem Boot weiter, dann Mal zu zweit, zu acht und plötzlich wieder allein. Nur selten hielt eine Bekanntschaft vom Flussufer bis zum Inselrand ans Ziel.
„Uns ist klar, dass du dich nicht selbst schützen kannst, aber bitte!“ Tallyns Stimme war verzweifelt und als sie aufschaute, waren ihre Augen glasig. Eve bekam Mitleid mit ihr. Vielleicht war ihre Familie im Krieg gestorben, vielleicht war ihr Gedächtnis für immer ruiniert. „Ich bringe dich nach Hause“, schlug Eve freundlich vor und ignorierte dabei Tallyns vor der Brust überkreuzte Arme.
„Lass das!“, zischte die Fremde und war weiter nach hinten gerollt, ehe Eves Hand ihr helfen konnte.
Tallyn schluckte. „Du darfst nicht zu deiner Jugendweihe gehen! Wenn du gehst, werden wir unser Leben für deinen Schutz aufs Spiel setzen. Das musst du nicht erfordern! Du kannst weglaufen, über die Stadtmauern klettern, mit uns in den Wäldern und unter der Erde leben!“
Eve verstand kein Wort mehr. Für eine Irre beschrieb Tallyn ihre Lage viel zu wirklich, viel zu detailliert, als dass sie erlogen sein könnte.
„Wieso glaubst du, dass gerade ich euch helfen kann? Selbst, wenn ich wüsste…“ Eve unterbrach sich selbst mit einem Seufzen.
Tallyn kam in ihrer knienden Position näher gekrochen. Sie strich Eve mit zwei Fingern über beide Wangen, als wollte sie ihr unsichtbare Kriegsbemalungen zeichnen, die ihren glichen. Als würde Eve dieses sanfte Streicheln zu einer Rebellin machen.
„Ich sehe dich. Ich war dabei, als du Laufen gelernt hast, habe deine Hand gehalten, als du die erste Begegnung mit dem Liebeskummer gemacht hast. Ich war immer da, ein Spiegelbild an deiner Seite, dass du nicht erkennen konntest.“
Tallyn roch nach Wald und wilden Kräutern, die dort wuchsen. Sie roch wie ein Versprechen nach mehr, nach noch mehr Freiheit, als die Priester ihr je geben könnten.
„Wie erkennst du mich?“, fragte Eve. Es war, als seien alle außer ihr in das größte Geheimnis der Welt einbezogen.
Ein Lächeln verlief wie auf einer Zielgerade von Tallyns rechtem, zu ihrem linken Mundwinkel.
„Deine Liebe“, sagte sie, „Sie lächelt!“

Die Jugendweihe

Leven Ames war schon immer anders gewesen. Im Sommer trug er aus Protest langärmlige Hemden und im Winter fror er in knappen Shirts. Leven half seiner Mutter nicht im Haushalt und baute lieber mit Brettern Podeste an die Bäume, auf denen er eine schöne Aussicht hatte. Er teilte seinen Kummer, mit niemandem, ließ ihn statt dessen in seine Hände fließen und mit ihm wunderschöne Fotos von der Welt machen.
Einmal hatte Eve sich getraut, ihn zu fragen, warum er sich demonstrativ von der Allgemeinheit abtat. Er hatte die Achseln gezuckt und sie gefragt: „Wäre ich dadurch ein besserer Mensch, wenn ich mich anpassen würde?“
Eve hatte das Thema fallen lassen, denn darauf kannte sie beim besten Willen keine Antwort.
Dennoch war Leven Ames immer an ihrer Seite, um ihren Kummer zu stoppen. Er sagte immer, er täte das freiwillig. Das Einzige, um das Eve ihn bat, war, dass er mit seiner Kunst nicht aufhörte.
„Wenn ich meine Kamera nicht hätte, wäre ich verloren“, sagte Leven von sich selbst.
Auch an diesem Tag, Eves größtem Tag im ganzen Leben, war er bei ihr.
Sie redeten über Belangloses.
„Wie war dein Tag?“
„Seltsam. Ich fühle mich so sauber“, antwortete Eve.
„Das vergeht“, sagte er.
Sie hatte nicht nachgefragt. Nun waren sie fast am Ende der Straße und Eves Hände kribbelten, als seien sie taub gewesen und gerade wieder einsatzfähig geworden.
Eve spürte, wie Leven neben ihr ganz flach atmete und sie plötzlich am Arm zurückhielt.
„Warte!“, sagte er, lauter als sonst, und schluckte. Anstatt seine Worte gehen zu lassen, kramte Leven eine Schachtel aus einer Jackentasche seines Jacketts.
Als er ihr die Handfläche entgegenstreckte, griff Eve wie verzückt nach der Schmuckschatulle darin.
„Du musst mir Nichts schenken“, sagte sie leise, beinahe zu Tränen gerührt. Ihre Finger öffneten von selbst den magnetischen Verschluss, der, wie sein Rest, mahagonifarben war. Zum Vorschein kam ein wunderschönes Paar Ohrringe, kleine, silberne Blüten, deren Silberranken sich um die Ohrläppchen ihres Trägers schlangen.
„Leven…sie sind wundervoll! Die konntest du doch nie und nimmer bezahlen! Wo hast du das ganze Geld her?“, fragte Eve, in einer Art Tränenrausch.
„Freut mich. Tatsächlich musste ich ganze zwei Jahre sparen. Aber es gibt doch eine alte Tradition aus dem Aberglauben: Ein geliehener, ein gebrauchter und ein geschenkter Gegenstand. Das ist mein Geschenk an dich, Eve“
Seine todernste Stimme brachte Eve dann doch zwei Freudentränen ein. Sie kullerten über ihre Wangen, die weiß wie dünnes Papier waren,und trockneten in ihrer Halsgrube. „Das macht man doch nur bei der Hochzeit, Leven!“
Eve war sich nicht sicher, aber sie meinte, Leven als Antwort „Wenn du die denn erlebst…“ murmeln zu hören. Sie war verunsichert, was sie darauf antworten sollte, also schwieg sie.
„Kannst du sie mir anziehen? Meine Mutter macht das normalerweise immer, aber… wir sind fast da und ich sehe sie erst nach der Weihe wieder und…“
Leven legte seine Hand auf das Kästchen. „Natürlich“, sagte er und fingerte die Blüten aus ihrer Halterung aus feinstem weißen Stoff. Levens rechte Hand legte sich auf Eves Rücken, während die Linke ihr samtweich die Ranken um das Ohrläppchen legte. Sein Atem streichelte sie, als wären es Sonnenstrahlen, die ihre Haut wärmten. Levens Hände, seine Stimme, sein Körper waren ihr bekannt, die selben goldgrünen Augen, die Eve vor drei Jahren in den Wald eingeladen hatten, sie begrüßend dazu überredet hatten, auf eines seiner Podeste zu klettern und das immer gleiche ferne Lächeln in den Sprenkeln seiner Iris hatten. Sie kannte Leven wie ihren Bruder, einen Teil ihrer Familie und das war er schließlich auch.
In den letzten zwei Jahren hatte Eve sich so an Leven gewöhnt, dass es normal für sie war, freundschaftliche Zuneigung für ihn zu empfinden.
„Komm, weiter. Und pass auf wo du hin trittst“ Er nahm Eves Hand. Die Straße endete in einem Marktplatz, der mit einer großen Marmortreppe verschmolz. An ihrer ersten Treppenstufe hatte sich bereits Tyra Benz, eine Frau mit platinblondem Haar, honigfarbenen Augen und langen Wimpern (Es war unmöglich, dass Tyras Gesicht hässlich wurde- man konnte sie und ihren Körper einfach nicht schlecht reden), die aufgeregt alle Jugendlichen in eine Liste eintrug.
An ihrer Seite sammelten sich bereits Melody Aulfield, Derby Chrysler und Barbara Eliot, drei Mädchen von Eves Schule. Während Melody und Derby in weiß gekleidet waren, sah Barbara aus wie ein schwarzer Schwan.
Die drei Mädchen nahmen sie mit gemischter Freude in Empfang, während Leven mit seinem Daumen ihren Handrücken streichelte.
An der Art, wie er das Tat, erkannte Eve, dass es die Konkurrenz eifersüchtig machte. Dabei empfand sie keinerlei romantischer Gefühle für Leven. Leven war ihr Fels in der Brandung, der Junge, der sie immer auffangen würde, wenn ihre Augenlider schwer wurden und sie sich fallen ließ. Bei jedem anderen hatte Eve die Sorge, dass er einen Schritt zur Seite gehen sollte, aus reiner Unsicherheit.
In Melodys blitzenden Augen sah Eve sich selbst, ihre kleine Nase, das lockige Haar, dass sie passend zu dem Kleid mit einer weißen Spange hochgesteckt hatte. Die Klammer drückte ihren Hinterkopf wie Blei nach unten, aber es gab so viel zu sehen, dass sie nicht im Traum daran dachte, einmal nachzugeben. „Wie ich sehe, hast du dir deinen Weihpartner schon ausgesucht, Evelyn“, sagte Barbara und Eve hörte aufrichtige Freude in ihrer Stimme. Wäre sie nicht so menschenfremd, könnten sie und Barbara bestimmt gute Freunde werden.
Eve lächelte und legte den Kopf schief, Leven sagte gar nichts.
Es war von Anfang an klar gewesen, dass Leven ihr Weihpartner sein würde. Sie hatten es nicht abgesprochen, es war nur ein Händedruck gewesen heute Morgen, als er ihr in dem weißen Kleid die Haustreppe runtergeholfen hatte, das gezeigt hatte, dass er einverstanden war. Sie hatten sich nicht einmal angeschaut.
Als Weihpartner kam sowieso nur er in Frage. Der Weihpartner musste das geviertelte Alter bereits überschritten haben und Jemand sein, auf den man sich verlassen konnte. Denn er würde Derjenige sein, der den richtigen Namen des Jugendlichen aussuchen würde.
An der Art, wie Leven sie heute Morgen angeschaut hatte, prüfend, als würde er in ihrem Gesicht eine Antwort suchen, wusste sie, dass er nun einen Namen gefunden hatte, der Eve würdig war.
Tyra wendete sich an Eve. „Name?“, fragte sie.
„Evelyn Memphis“
Leven nahm meine Hand und wir gesellten uns zu Melody, Derby und Barbara, während sich um Tyra immer mehr Mädchen und Jungen sammelten. Sie waren unterschiedlich gekleidet, von rot bis schwarz bis weiß, aber Alle hatten sie Jagdstiefel an.
„Warst du auch so aufgeregt bei deiner Weihe?“, wisperte ich Leven zu. Er grinste und nickte. Wenn Leven lachte, dann bildete sich ein Grübchen an seinem Kinn, dass einfach umwerfend niedlich wirkte. Oft hatte Eve sich gefragt, was das eigentlich zwischen ihm und ihr war. Und jeden Morgen, wenn er sie zum Unterricht abholte, wollte sie sich selbst auslachen. Sie war Eve und er war Leven und sie liebten sich wie Geschwister- sie waren eine Geschichte für sich.
Als sie vollständig waren, öffnete Tyra die große Holztüre und schickte uns nacheinander hinein. Neben all den anderen Eltern erkannte Eve auch ihre Mutter und schenkte ihr ein Kopfnicken. Sie behandelten sich gegenseitig wie Erwachsene, ein Zeichen des Respekts.
Es war eine ewige Tyrade, bis Eve endlich aufgerufen wurde.
Schmerzlich wurde ihr bewusst, dass sie fast nie Etwas für Leven tat, er aber immer hinter ihr stand. Allein der Gedanke an ihre Hilflosigkeit in dieser Sache trieb ihr Phantomtränen in die Augen.
„He, nicht weinen!“, sagte der Schuldige und drückte ihre Hand. Eve hätte ihn nur zu gern angeschrien, dass er so nur Alles schlimmer machte. Doch dann wäre Leven ewig traurig und würde sich die Schuld an Allem geben.
„Tue ich nicht. So blöd bin ich auch noch, dann würde ja die ganze Wimperntusche verlaufen!“ Eve knuffte ihn in die Seite und schickte sich von ihrem Platz auf, um ihre Stellung zur Weihe zu nehmen.
„Bleib stark“, meinte Leven nur und küsste ihre Hand.
Manchmal wirkte er wie ein Bilderbuchehemann, den man aus irgendeinem Brautmodenkatalog raus geschnitten hatte. Oder ein Prolet, der eine Dame nach der Nächsten verführen mochte.
Der Weihrauch tauchte Eve und ihn in einen gräulichen Nebel, als würden sie im Inneren einer Wolke schweben.
„Joanna Memphis‘, geborene Firth, Tochter, getaufte Evelyn Memphis!“ Das war Tyras Stimme. Sie senkte ihre Hände in eine Schale, deren Inhalt sich nach der Berührung ihrer Fingerkuppen blutrot färbte. Tyra wendete sich an Leven, malte ihm zwei rote Streifen unter die Augen. Ein Kennzeichen für sein Alter und seine Erfahrenheit. Neben Leven fühlte Eve sich wie ein kleines Mädchen, das noch nicht mehr von der Welt gesehen hatte, als seine guten Augen durch die Fensterscheiben des Hauses sehen konnten.
„Getaufter Leven Ames, Weihpartner der getauften Evelyn Memphis“, antwortete Leven, als hätte Tyra bei der Nennung Eves Namens nur ihn angesprochen. Hier sprach ein Leven, den Eve noch nicht kannte. Ein Erwachsener, der die Verantwortung für sie übernahm und sie kindisch fand. Das schmerzte, aber nur so lang, bis Tyra auch sie markierte. Ihr zeichneten die kühlen Finger wie Pinsel kleine Wellen unter die Augen.
„Evelyn Memphis, es wird Zeit!“ Wieder Tyra. Sie war ständig in Bewegung im Gegensatz zu Leven und Eve, die steif nebeneinanderstanden.
Endlich kam Bewegung in ihn und er beugte sich zu ihr hinunter, legte seine Hand an ihr Ohr.
In ihrem Bauch kribbelte es, als seine Lippen ihre Wange streiften. Die Aufregung machte Eve zu einer anderen Person. Und nun machte er sie zu einer anderen Person.
„Eve, Kleines, ich, Leven Ames, nenne dich auf den Namen Keziah Memphis. Du darfst deinen Namen nur deinem Liebsten, deinem zukünftigen Mann, preis geben und wirst ihn mit in den Tod tragen. Keziah, avolare!“ Das letzte Wort schrie er laut in den Saal und von überall her kam ein Sprechchor, der das Wort wieder zu Eve trug und sie überwältigte. Alte, junge, leise und laute Stimmen, alle waren sie gekommen um ihr beizustehen! „Avolare!“

Der Abstieg

Cheryl Mason strich sich wütend das schwarze Hexenhaar aus dem Gesicht und riss einen Plan nach dem anderen von der teuren Stellwand. Jedes kaputte Blatt Papier untermalte sie mit einem Laut, der wie ein Kampfschrei klang.
„Cheryl, beruhige dich!“, versuchte Tallyn sie zu beschwichtigen und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Ihr Gegenüber warf sie trotzig ab und trat mit Wucht gegen ein Metallbein der Plakette.
„Und wieso, heh? ICH bin am Arsch! ICH werde sterben! ICH habe ein Recht darauf wüten zu…!“
„Es reicht, Mason!“, donnerte Bill. Seine Augen waren dunkler geworden, sofern Cheryl es erkennen konnte. „DU magst sterben, aber deine kindischen Wutausbrüche nützen Niemandem etwas! Wir können keine Kinder gebrauchen, in einem Spiel, in dem Erwachsene versuchen, uns in die Knie zu zwingen.“
Während Bill die Worte schnell und beinahe einlullend sprach, spürte er, wie sich sein Körper gegen seinen Willen wieder beruhigte und weich wurde. Verdammt, ja, er konnte Cheryl verstehen! Sie steckten Alle mit drin. Doch ihre Leichtsinnigkeit würde sie noch den Tod kosten. Und er wagte es zu bevorzugen, wenn dieser so spät wie möglich eintraf.
„So“, pflaumte Cheryl, nur, um das letzte Wort zu haben.
Ihre Rassigkeit war ihnen immer zum Vorteil gewesen- Bill begann langsam zu bereuen, dass er Cheryl so angeschrien hatte. Zumindest hatte sie gezeigt, dass ihre Gefühle nicht zu Eis gefroren waren, was man von ihm und Tallyn Farr nicht behaupten konnte.
„Wenn das dann geklärt wäre…?“, fragte Tallyn leise und klammerte sich an einem Kissen fest. Sie saß in einem rostbraunen Sessel, das komfortabelste Möbelstück in ihrer Unterkunft.
Cheryls Antwort war ein Seufzen, das von Anschuldigungen und Leid geplagt war. „Es geht um meine beste Freundin“, erwähnte sie abermals, „und um ihr Überleben. Wenn wir Eves Sturkopf nicht davon überzeugen, dass wir das beste für sie wollen, können wir ihr nicht helfen! Und dann sterben wir BEIDE. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber das möchte ich doch gerne verhindern.“
„Was wäre, wenn du zu Evelyn gehst und sie selbst mitholst? Dir wird sie bestimmt glauben“, kam es aus dem beigen Kissenberg. Sie waren alle einmal weiß gewesen, doch die Verwesung und der Schmutz in der Höhle hatten ihre Spuren hinterlassen.
Gerne hätten sie einen hübscheren Schlupfwinkel als eine Steinhöhle im Wald gehabt. Leider hätte Alles andere nur Aufsehen erregt.
„Lustig. Ich komme darauf zurück, wenn ich gerade Lust habe, Mal wieder fast totgehackt zu werden und meine Energie nutzlos zu verbrassen! Ich dachte, ihr sollt mich schützen und nicht aufopfern?“, empörte Cheryl sich.
„Halt den Mund. Du weißt genau, dass wir es nicht riskieren können, uns so auffällig zu benehmen, da hat Cheryl recht. Es wäre wohl nicht das Beste, eine beflügelte Jugendliche durch die Stadt wandern zu lassen. Selbst, wenn dies geklärt wäre,wüssten wir immer noch nicht, ob sie überhaupt genug Kraft hätte, die Stadtmauern zu überwinden.“, fuhr Bill dazwischen.
Tallyn zuckte zusammen.
Cheryl schnaubte.
„Dann bleibt es wohl an mir hängen.“, bemerkte Bill.
„Für diese blendende Erkenntnis würde ich dir normalerweise eine Medaille verleihen, leider sind sie mir gerade ausgegangen.“
Aus dem Sessel kam ein leises Kichern. Bill verdrehte die Augen. „Sorgt einfach dafür, dass Niemand euch finden kann, geschweige denn unser Versteck.“
Mit diesen Worten duckte Bill sich und kroch in die Erdgrube, die weit in den Wald und direkt zu der Stadtmauer führte.

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„Und, Eve, was willst du nun tun, wo du doch jetzt frei bist?“, fragte Leven, als der Trubel sich gelöst hatte. Sie waren auf dem Balkon der Festhalle und versuchten, die Jubelrufe und Stimmgeräusche auszulöschen.
„Ich weiß es nicht. Ich hatte mir das Ganze anders vorgestellt. Ein richtig magischer Moment,aber es war eher ein Untertauchen. Den Kopf ins eiskalte Wasser halten und…dann ist es auch schon wieder vorbei.“, erklärte Eve ehrlich.
Leven nickte. Sie hätte sich gerne bei ihm entschuldigt, aber ihr Wortschwall und die Kopfschmerzen machten das Reden zu einer Qual. Stattdessen versuchte sie sich abzulenken und dachte an die Schwere von Levens Ohrringen im Vergleich zu ihrer Schönheit und daran, wie sein Atem das Silber gesegnet hatte. Welches sie trug. Eve fühlte sich wunderschön, einen kleinen Moment, wie eine nachgerückte Weihe.
„Ich würde dir gerne sagen, dass es besser wird.“ Leven klang mit den Gedanken ganz woanders. Dennoch wendete er sich ihr zu. Eve sah in seinen Augen viele vergangene Erlebnisse, die sie sich teilen durften. Wie jenen Sommer, in dem sie mit Leven Pflaumen gepflückt und das erste Mal von ihrer Weihe geschwärmt hatte. Über ein schönes Kleid, ihn als Weihpartner und ein neues Leben.
„Dann tu es doch“, bat Eve, „Bitte.“
Leven umarmte sie, wog sie wie ein kleines Kind. So fühlte sie sich. Keziah war ein kleines Kind. Keziah hörte sich tough an und Eve fragte sich, was Leven zu dem Namen geführt hatte. Sie war noch nie stark oder mutig gewesen, eher wütend und ungezügelt und in den entscheidenden Momenten dann doch voller Angst.
Jetzt hatte Eve keine Angst. Weder sie, noch Keziah, die jetzt schon ein Teil von ihr war. Oder andersherum? Wer wusste das schon.
Leven legte seinen Mund an ihre Wange, an ihr Ohr. Eve bebte. Alles in ihr war in Aufruhr. Die Nervosität, alles Neue, das, was sie vor wenigen Stunden noch so kalt und entschlossen hatte wirken lassen, loderte in ihrem Körper auf wie ein Tier.
„Mein Name“, flüsterte Leven, „mein richtiger Name ist Miles.“Eve wollte etwas erwidern, sie wollte es wirklich. Aber ihr Herz wollte nicht und ihre Lippen pressten sich zusammen und schützten sich gegen die Kälte, die wie ein Sog in sie hinein fuhr. Kälte und Schuld. Leven liebte sie und das hätte sie doch merken müssen. Es hatte bestimmt Anzeichen gegeben. Die Blumen..kleine silberne Rosen, Ohrringe. Levens immerzu heiteres Lächeln, auch wenn Eve furchtbar anstrengend war. Seine Arme, die Eve auf seine Fotopodeste im Wald hoben.

All dies war ihr selbstverständlich gewesen.

„Evelyn, dein Trost wird ausgesprochen.“, meinte Leven und erlöste sie somit aus ihrer Starre. Eve erwiderte dennoch Nichts. Der traurige Unterton seiner Stimme hatte ihr gereicht.
Sie sollte wenigstens ein kleines ‚Tut mir leid‘ erwidern.
„Evelyn, dein Trost“ Wieder er. Beweg dich endlich, mahnte sie sich. Das tat Eve, sie machte zwei wackelige Schritte in Levens Arme und dann versteifte sie sich an seiner Brust und begann das zweite Mal in ihrem Leben zu weinen.
Es war ein unerträgliches Gefühl, dass Eve sich ihm schon wieder auflastete, obwohl er viel mehr Grund zur Trauer hatte.

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